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Ein Problem mit dem Raum-Zeit-Gefüge

Meine Tochter (4) fragt: „Warum sprechen in den Ferien alle eine andere Sprache, bloss wir nicht?“ In solchen Momenten finde ich das Vatersein so toll. In der Welt meiner Tochter wird während der Kindergartenzeit „unsere Sprache“ gesprochen, nur während der Ferien entscheiden sich alle anderen Menschen dafür, eine andere Sprache zu sprechen. 

Ob der kindlichen Naivität unserer Tochter können meine Frau und ich das Lachen nur mit Mühe unterdrücken. Wie kommt sie nur darauf? 

Um diese Frage zu beantworten habe ich mich dann bemüht, die Perspektive meiner Tochter einzunehmen. Auf der Suche nach der Antwort musste ich feststellen, dass der Begriff „naiv“ der Sache nicht gerecht wird.

Unsere Tochter wächst zweisprachig auf. Weiter besuchte sie seit dem Babyalter die Kinderkrippe. Darum hatte sie sehr früh schon Kontakt mit verschiedenen Sprachen. Sie kann verschieden Sprachen verschiedenen Personen zuordnen. Allerdings hat sie auch festgestellt, dass Einige mit der Sprache nicht sehr einheitlich umgehen. So gibt es einige, die wechseln die Sprache. 

Jetzt beginnt die Ferienzeit. In dieser Zeit verändert sich der ganze Tagesablauf stark. Ich kann gut nachvollziehen, dass meine Tochter diese Veränderung mit der dazugehörigen Ferienzeit in Verbindung bringt. Dass man in Italien auch ausserhalb der Ferienzeit „eine andere Sprache“ spricht, kann meine Tochter unmöglich wissen. Ich selbst weiss es auch nur, weil es mir so beigebracht wurde. Ich wahr noch nie ausserhalb der Ferien in Italien. Meine Tochter auch nicht. 

Mit dem Hintergrundwissen meiner Tochter und ihren gesammelten Erfahrungen ist die Annahme, die fremde Sprache würde lediglich in der Ferienzeit gesprochen plausibel. Nur die Frage nach dem warum ist für sie noch nicht geklärt. 

Dieses Erlebnis führte mir wieder Augen, dass die Welt für jeden Menschen eine Andere ist. Das Bild, welches wir von der Welt haben, ist immer ein Produkt unserer Erfahrungen und schlussendlich eine Interpretation. 

Im Falle meiner Tochter ist das unterschiedliche Weltbild leicht erkennbar. Dies ist nicht immer der Fall. Prallen zwei unterschiedliche Weltbilder aufeinander, dann kann daraus ein Konflikt erwachsen. In solchen Fällen wäre es ungemein hilfreich, wenn man durch ein Fenster oder eine Brille jeweils die Welt des anderen betrachten könnte. Dann wären Probleme der Verständigung und Missverständnisse viel seltener. Leider gibt es ein solches Fenster nicht und auch Google hat noch keine solche Brille entwickelt. Vielleicht hilft aber schon die Erkenntnis, dass jeder Mensch ein anderes Weltbild hat, um den einen oder anderen Konflikt aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Fortunat Schmid

Foto: Wikipedia